Tabor

Die Thomaskirche im Weizer Tabor

Die Ende des 12. Jahrhunderts erbaute St. Thomaskirche auf dem Tabor, genannt Taborkirche, Wahrzeichen und Wappenbild der Stadt, dominiert in erhöhter Lage den Weizer Hauptplatz. Angesichts der drohenden Gefahren durch die Türken- und Kuruzzeneinfälle errichtete man im Jahre 1556 einen wehrhaften Tabor mit Toranlage, Rundtürmen, Ringmauer und Graben um die St. Thomaskirche.

Nach der erfolgreichen Türkenabwehr verloren die Taboranlagen im ganzen Land jedoch an Bedeutung und so wurde auch in Weiz 1659 ein Teil der Wehranlagen abgetragen.

Statt dessen baute man ein Wohnhaus, in dem 1689 die Marktschule, die bis dahin im Rathaus untergebracht war, ihre neue Heimat fand.

Die Anhöhe über dem Weizer Hauptplatz, auf der die Taborkirche thront, wurde einst "Leberberg" genannt, wonach die Archäologen vermuten, daß in diesem Raum bereits in der Eiszeit eine frühgeschichtliches Gräberfeld angelegt war, das heute allerdings nicht mehr nachzuweisen ist.

Der Stifter und das Patrozinium

Der frühesten urkundlichen Nennung der Taborkirche vom 11. Mai 1188 ist zu entnehmen, daß ihr Stifter, der Hochfreie Liutold III. von Gutenberg, seine Rechte an der Pfarre und sein Besitzrecht an der Kirche vor seiner Teilnahme am 3. Kreuzzug dem Kloster Göß übertrug. Die entsprechende Urkunde wurde in der neu erbauten Kirche vor Zeugen besiegelt.

Das Patrozinium des Thomas von Canterbury

Der Schutzpatron der Taborkirche ist der Hl. Thomas Becket (1118 – 1170). Er wurde 1162 Erzbischof von Canterbury. Heftige Streitigkeiten entzweiten ihn mit König Heinrich II. und zwangen ihn zur Flucht nach Frankreich. Im Exil habe sich ihm, wie die Legende erzählt, sein späteres Martyrium in einer Erscheinung offenbart, wonach er 1170 freiwillig nach England zurückgekehrt sei. Noch im selben Jahr wurde Thomas Becket vor dem Altar der Kathedrale von Canterbury von vier königstreuen Rittern erschlagen. Seine Heiligsprechung erfolgte bereits drei Jahre später.

Die Weihe der St. Thomaskirche in Weiz fällt in diese Zeit. Die frühe Verehrung des Hl. Thomas von Canterbury ist auffällig, denn dieses Patrozinium ist das erste seiner Art in dieser Gegend – die meisten Thomaskirchen sind dem gleichnamigen Apostel geweiht.

Daß Liutold III. von Gutenberg ausgerechnet diesen Heiligen zum Schutzpatron wählte, geschah sicherlich nicht zufällig. Die Patronatswahl kann durchaus als politische Stellungnahme verstanden werden.

Die Baugeschichte

Romanische Elemente aus der Zeit ihrer Erbauung Ende des 12. Jahrhunderts haben sich in Langhaus und Chorquadrat der Kirche erhalten. 
Erst im 14. Jahrhundert kam der gotische Altarraum mit den charakteristischen Maßwerkfenstern und den massiven, abgetreppten Strebepfeilern an der Außenwand dazu. Einen kleinen Christuskopf in der Rosette eines Fensters kann man heute noch entdecken.


Bedroht durch die Türkenkriege errichtete man rund um die Kirche im Mitte des 16. Jahrhunderts einen befestigten Tabor mit Toranlage, Rundtürmen, Ringmauer und Graben.

Die gotische Architektur der Kirche, umgeben vom schützenden Tabor, ziert dasWeizer Wappen, das 1560 von Kaiser Ferdinand I. verliehen wurde. In der dazugehörenden Urkunde wird das Wappenbild genau beschrieben: "[…] Mit namen ain plawen oder lasurfarben schildt. Im grundt desselben ain gruener anger oder wisen, in mitte uber zwerchs mit aim fluß, seiner natturlichen wasserfarb unnd gestalt, in mitte daruber mit ainer pruckh one glender, unnd auf dem obern thail jetzgedachts angers oder wisen in der gantzen praite des schildts ain veste mit weissen gemeur, in der mitte an jetzgedachter pruckhen mit ainer offnen durchsichtigen porten, und darob erhöchter maur, darhinder aim hohen viereggeten, desgleichen an jeden egkh der maur aim ronden thurn, neben der porten jedersetis ains, in der erhöchten mawr ob der proten in gleicher weite voneinander drey unnd jedem egkhthurn zway schießlöcher unnd in dem hohen thurn oben neben einander für sich zway an der linckhen seitten aim fenster oder ladenm, alle thurn, desgleichen die port mit iren rotten dächern […]."

Eine weitere Umgestaltung des Gotteshauses erfolgte im Jahre 1644. Die Fenster an der Südseite wurden vergrößert, die ursprünglich flache Decke des Langhauses eingewölbt und der Turm über dem Chorquadrat erhielt sein heutiges Aussehen.

Kunstgeschichte

Die Taborkirche hat einige kunsthistorische Besonderheiten zu bieten, deren Entstehungszeit sich von der Römerzeit bis herauf ins 20. Jahrhundert spannt.

Römersteine an der Taborkirche

Für das Weizer Gebiet, das im eigenen Bereich vor allem südlich und östlich des heutigen Weiz eine Siedlungsballung in römischer Zeit zeigt, ist vor allem wichtig, daß ab 70 v. Chr. zwischen Sulm und Mur auf dem Boden des heutigen Wagna die Stadt Falvia Solva entstanden war, die als Zentrum für das mittelsteirische Gebiet zu betrachten ist. Zum Verwaltungsbereich dieser römischen Landstadt gehörte natürlich auch Weiz. Noch heute sind die an der Südwand der Taborkirche eingemauerten römischen Grabsteine sehr beachtliche Zeugen aus der Römerzeit; sie werden aufgrund der figuralen Darstellungen und der Epigraphik der ersten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts zugeordnet.

 

Genius [der, Plural Genien; lateinisch],

in der römischen Religion Schutzgeist des Menschen, ursprünglich die Verkörperung der männlichen Zeugungskraft; dargestellt in Schlangenform, später als menschliche Flügelgestalt. Heute wird Genius auch gleich bedeutend mit Genie gebraucht.

 

Das schönste und auffallendste Grabdenkmal ist in Hauptbild, ornamentalen Zwischenstreifen, Inschriftenbild und Sockelbild gegliedert und zeitlich etwa in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. zu fixieren. Das oben abgeschlagene Hauptbild zeigt die Körper zweier nach außen gewendeter, bogentragender Eroten – andere deuten sie als Genien –, die zwischen sich eine Girlande oder einen Fruchtkranz halten. Zu ihren Füßen liegt ein nicht näher bestimmbarer kugeliger Gegenstand. Im Zwischenstreifen darunter finden sich jagende Hunde. Das Sockelbild zeigt in üblicher Weise ein Fabeltier, einen Seegreif, der sich nach rechts hin bewegt. Das Schriftfeld war ehemals von Säulen eingerahmt, die weggebrochen, teilweise abgearbeitet wurden. Die Grabinschrift ließ Q. Capitonius Potens für sich und seine beiden Gattinnen Bellincia Spectata und Capitonia Veneria anfertigen:

Römischer Grabstein im TaborQ(uintus) . CAPITON-
IVS . POTENS . (dahinter eine Ähre)
V(ivus) . F(ecit) . SIB(i) . ET . BELLICIAE
SPECTAT(a)E . C(oniugi) . OP(timae)
AN(norum) . XXXVII . ET
CAPITONIAE
VENERIAE
CON(iugi)

 Wir entnehmen daraus, daß der römische Bürger – nur ein Vollbürger trägt Vor-, Geschlechts- und Zunamen – Quintus Capitonius Potens noch zu Lebzeiten sich und der im Alter von 37 Jahren verstorbenen (besten) Gattin Bellicia Spectata und der zweiten Gattin Capitonia Veneria diesen Grabstein schaffen ließ.

 

Fesken und Plastik

Bemerkenswert im Innenraum der Taborkirche sind die erhaltenen Fresken an der Nordwand des Langhauses und im Chorquadrat. Die verschiedenen Malschichten aus unterschiedlichen Entstehungszeiten kann man gut erkennen. Die Fresken wurden 1933 entdeckt, freigelegt und restauriert. Der Künstler Fritz Silberbauer (1883 – 1974) ergänzte die Szenen mit Darstellungen in seinem eigenen Stil.

Betritt man die Kirche im Westen beim Hauptportal, trifft man auf das erste Fresko im mittleren Langhausjoch links an der Nordwand. Hier sieht man einen Teil der ältesten Freskoschicht aus er 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. In romanischer Horizontalgliederung werden Szenen aus der Schöpfungsgeschichte, der Passion Christi und der Mariengeschichte erzählt.

Das Bild der Anna Selbdritt und der Gnadenstuhl gehören der Malschicht aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts an. Fritz Silberbauer ergänzte das Fresko mit einem schwebenden Engel im Bogenfeld, Eva mit dem Apfel, der Vertreibung, zwei Figuren der Herodesszene, der Geißelung und dem faltenreichen Gewand des Verkündigungsengels.

Im Joch vor dem Chorquadrat hat sich nur wenig von der ursprünglichen Bemalung erhalten. Ein Großteil vom heutigen Kunstwerk wurde von Fritz Silberbauer 1935 ergänzt. Im Bogenfeld ist die Sintflut mit der Arche Noah zu sehen. Darunter folgen links die "Marter der zehntausend Märtyrer" aus der Achatiuslegende und rechts die Legende des Hl. Thomas Becket, Bischof von Canterbury, dem Kirchenpatron. Das hohe Bogenfeld mit der sturmbewegten Sintflut und die St. Thomaslegende gestaltete Silberbauer völlig neu. Die Legende erzählt vier Begebenheiten aus dem Leben des Hl. Thomas: der Erzbischof bei der österlichen Fußwaschung, beim Gebet, seine Ermordung in der Kathedrale und die Aufbahrung.

Neben den Ausmalungen sind in der Kirche auch plastische Bildwerke zu entdecken. Als Statuette auf einer Halbsäule steht der Hl. Nepomuk vor dem Fresko mit der Legende des Hl. Thomas. Johannes von Nepomuk war Generalvikar des Erzbischofs von Prag und Beichtvater der Königin. Er geriet in Streit mit König Wenzel I. und starb den Märtyrertod, indem man ihn von einer Brücke stieß. Daher gilt er auch als Brückenheiliger. Ein thematischer Zusammenhang mit Thomas Becket ist nicht zu leugnen. Beide starben für ihre Überzeugung und weil sie sich den König zum Feind gemacht hatten.

An der gegenüberliegenden Wand steht die Statuette des Hl. Franz von Assisi. Im Bogen, der das Chorquadrat mit dem Altarraum verbindet, befinden sich zwei barocke, bemalte Holzfiguren auf Konsolen: Links der Feuerpatron St. Florian und rechts der Pestheilige St. Sebastian.


Der Hochaltar

Der Hochaltar ist ein Werk der Barockzeit und stammt vermutlich aus derWerkstatt Veit Königers. Er ist aus Holz gefertigt und die Wirkung des farbigen Marmors wird nur durch die Bemalung vorgetäuscht. Viel Goldzierat und schmückendes Beiwerk vollenden den Altar. 1771 wurde er aufgestellt. Die zwei goldgefaßten Figuren stellen links den Hl. Philippus Neri und rechts Paulus, der ein offenes Buch hält und sich auf ein Schwert stützt, dar. Das Hochaltarbild zeigt den Hl. Thomas Becket als Fürbitter, halbkniend auf einer Wolke. Er blickt zu Christus mit dem Kreuz auf. Die dritte Figur im Bild stellt vermutlich Gottvater dar.

Zu beachten ist hier die älteste Stadtansicht von Weiz, über der die Gruppe schwebt. Der Tabor, Schloß Radmannsdorf und die Mariensäule auf dem Hauptplatz sind gut zu erkennen. Durch die Signatur des Bild sind Künstler und Entstehungszeit bekannt: Josef Adam Ritter von Mölk malte es im Jahre 1771.

Seitenaltäre, Kanzel und Orgel

Im Jahre 1964 wurde ein gotischer Flügelaltar in der Kirche aufgefunden. Eine der Seitentafeln, mit der Hl. Barbara hängt heute an der Südwand des Altarraumes.

Die beiden Seitenaltäre, im 19. Jahrhundert erneuert, sind aus Holz gefertigt und mit Farbe marmoriert. Auf dem linken Altarbild ist die Patronin der Pfarre, die Schmerzhafte Mutter Gottes abgebildet. Das Bild am rechten Seitenaltar zeigt den Hl. Erhard, Schutzpatron der Tiere und Nothelfer bei Augenleiden. Als Attribut hält er ein aufgeschlagenes Buch mit zwei Augen darauf.

Die Orgel lieferte 1769 der Grazer Orgelbauer Ferdinand Schwarz.

Die Kanzel an der Südseite wurde der Kirche 1697 gestiftet. Bei der letzten Innenrenovierung hob man sie jedoch an und der Aufgang wurde zugunsten von Sitzplätzen entfernt.

Die Taborkirche als protestantisches Gotteshaus

Eine tiefgreifende Bewegung, die auch die Bürger von Weiz erfaßte, war die die Lehre Luthers. Sie wurde auch in dieser Region als Verheißung dringend notwendiger religiöser und gesellschaftlicher Neuerungen aufgenommen.

Seit 1580 war die Taborkirche das Gotteshaus der Protestanten. In dieser Zeit war eine beachtliche Zahl der Weizer Bürgerschaft Anhänger dieser Glaubensströmung und auch am Hofe der von Stubenberg wurde Luthers Bibel gelehrt.

Um für Recht und Ordnung zu sorgen, setzte die erzherzögliche Gegenreformationskommission auch in Weiz Taten: sie verschloß im Jahr 1600 die Taborkirche, den Bürgerfriedhof, sowie die Kirche zu Gutenberg. Der Schlüssel wurde dem Pfarrherrn auf dem Weizberg übergeben. Erst nach 17 Jahren, als alle Bürger offiziell dem Protestantismus abgeschworen hatten, wurden Friedhof und Kirche wieder freigegeben.

 

Literatur

Walter Modrijan: Die Vor- und Frühgeschichte (= Weiz – Geschichte und Landschaft in Einzeldarstellungen 1). Weiz ²1965. 
Rochus Kohlbach: Die Marienkirche auf dem Weizberg. Die Thomaskirche im Weizer Tabor (= Weiz – Geschichte und Landschaft in Einzeldarstellungen 4). Weiz 1957.
Leopold Farnleitner / Franz Hauser / Hans Ritz: Weiz. Geschichte und Geschichten. Weiz 1997.
Franz Hauser: Weistum im Marktbuch von 1665. In: Franz Hauser / Leopold Farnleitner: Weistum und Chronik. Acht Jahrhundert Weiz – Fünfzig Jahre Stadt. Weiz 1982, S. 11-53 und 54-114.
Sabine Magele: Die St. Thomaskirche auf dem Tabor. In: Ingo H. & Susanne Kropač: Weiz – Impressionen einer Stadt. Weiz 2001.
Helmut Metzler-Andelberg: Die Taborkirche und ihr Heiliger. Zum Patronizismus des hl. Thomas von Canterbury. In: Die Taborkirche und ihr Heiliger und weitere Beiträge zur Geschichte und Volkskunde (= Weiz – Geschichte und Landschaft in Einzeldarstellungen 10). Weiz 1973.