Klammstraße

Mit der Erbauung der Weizklammstraße wurden diesem Straßenzug mit Recht der Name Klammstraße gegeben. Die Klammstraße führt vom Hauptplatz nach Norden aus der Stadt hinaus und mündet am Stadtrand in die Fortsetzung der Bundesstraße 64 (Rechbergstraße).

Vor der Fertigstellung der Straße konnte die Weizklamm von Fußgängern nur über zwei halsbrecherische Steige, auf denen über 40 Meter tiefe Abgründe einfach nur Baumstämme gelegt waren, passiert werden: Beide Steige wurden immer wieder von Unwettern weggerissen. Fuhrwerke konnten nur das oft unpassierbare Bett des Weizbaches als Fahrtrasse benützen. Tote und Verletzte waren damals keine Seltenheit, weil Fuhrwerke mitten in der Klamm von Unwettern überrascht wurden.

Lange Zeit hatten die in einem abgelegenen Talkessel isolierten Gemeinden Fladnitz und Passail auf eine Verbesserung dieser so gefährlichen Verkehrsanbindung an Weiz gedrängt. Auch die breite Bevölkerung war für den Bau einer Straße durch die Klamm. Nach der Prüfung einer Ende 1873 von den Gemeinden gemachten Eingabe an den Steiermärkischen Landtag beschloss dieser 1874 eine Entwurfsausarbeitung. Der vom Landesbauamt 1876 vorgelegte Entwurf sah vier Abschnitte vor: Der erste, ca. 1,4 Kilometer lang, führte von Passail weg in Richtung Klamm und war mit 3.700 Gulden veranschlagt. Der zweite mit rund 3,7 Kilometern reichte bis zur Wasserscheide Lamgraben und kostete 27.000 Gulden. Mit 53.3000 Gulden am teuersten war der 3,4 Kilometer lange Abschnitt direkt in der Weizklamm. Die restliche Strecke bis Weiz mit 5,6 Kilometern kostete 12.000 Gulden.

Am 14. April 1877 genehmigte der Landtag den Bau und die Übernahme der Kosten bis zu 82.300 Gulden. Welche Bedeutung die Straße für die Bevölkerung damals hatte, lässt sich an deren großen Natural- und Geldopfern dafür erkennen: Unter Anderem brachten 112 Weizer Bürger die für damalige Verhältnisse sehr hohe Summe von 4.452 Gulden auf. Der Beitrag der Anrainergemeinden und einzelner Bürger belief sich auf insgesamt 39.394 Gulden. Die Weizer Sparkasse erklärte sich zu einem Darlehen von 10.000 Gulden bereit, das „im Ernstfall“ nicht zurückgezahlt werden brauchte.

Den Bauauftrag erhielt die Firma Pratschniker & Co aus Stein bei Laibach. Sie hatte das günstigste und für sie letztendlich verlustreiche Angebot gelegt, weil sie nach dem Auslaufen eines Großauftrages unbedingt ihre Stammbelegschaft erhalten und mit diesem Auftrag auch die laufenden Kosten ihres Maschinenparks finanzieren wollte. Im Mai 1878 wurde der junge Diplomingenieur Guido Edler von Toncourt als Bauführer engagiert. Seine Ingenieurskanzlei und das Verwaltungsbüro für die Baustelle waren in der nahen Steffelmühle untergebracht. Die notdürftigen Unterkünfte für die Arbeiter befanden sich in Bauernhäusern oder Scheunen. 

Dank der umsichtigen Bauleitung durch Toncourt machte der technisch anspruchsvolle Bau gute Fortschritte. Die Mühsal der Arbeit lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, dass für einen halben Meter Vortrieb in den Stein – etwa für Sprengungen – 3800 Hammerschläge notwendig waren. Trotzdem konnten die Arbeiten bereits im September 1879 abgeschlossen werden. Obwohl der Auftrag verlustreich war, lud die Baufirma die Weizer Bevölkerung zur Eröffnung ein. Alle waren von der sich in die Natur einfügenden Trassenführung begeistert. Direkt an der Straße entstanden mehrere Labestationen für die Pferde. Viele neue Gasthäuser, wie etwa der „Felsenkeller“, sorgten für die oft auch über das unbedingte Erfordernis hinausgehende Labung mancher Kutscher.

Aber nicht nur direkt an der Straße, sondern in der ganzen Region, brachte die Straße einen wirtschaftlichen Aufschwung. Für Guido von Toncourt bedeutete dieses Projekt den Beginn einer großen Karriere: Er wurde danach in den Staatsdienst übernommen und mit einer Reihe von Aufgaben an der Südostgrenze der Monarchie beauftragt. Zuerst Leiter des technischen Dienstes zur Schiffbarmachung des Pruth (Rumänien), stieg er danach weiter zum Schifffahrtsinspektor und Vorsitzenden des Schiedsgerichtes für Schifffahrtsangelegenheiten auf.