Widdmann, Karl

Baurat Dipl.-Ing. Dr. Karl Widdmann, der Bauherr der Elinstadt, Ehrenbürger der Stadt Weiz (1953), wurde 1901 geboren. 

Karl Widdman studierte an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt Elektrotechnik. Nach vierjähriger Vorpraxis in Wien trat er im Juli 1927 als Berechnungsingenieur ins Weizer Werk der ELIN ein und wurde schon ein Jahr später mit der Leitung seiner Abteilung betraut.

Durch die Entwicklung neuer, hoch ausgenützter Typenreihen konnte er wesentlich zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens in den harten Jahren der Wirtschaftskrise beitragen. Im Jahre 1932 wurde er auf Grund einer Dissertation über Bruchlochwicklungen mit Auszeichnung zum Doktor der technischen Wissenschaften promoviert und übernahm bald darauf auch die Leitung der Prüffelder des Weizer Werkes. Als Ende 1938 der Technikermangel fühlbar wurde, verlegte die ELIN einen Teil der Weizer Ingenieurarbeit in die Wiener Zentrale, wo Akademiker leichter zu haben waren als in Weiz mit den damals noch sehr unzulänglichen Wohnverhältnissen. Dr. Widdmann wurde mit der Leitung dieses Büros betraut und verbrachte nun die härtesten Notzeiten seiner Heimatstadt bis über das Kriegsende hinaus wieder in ihren Mauern. Kurz nachher wurde er von der neuen Leitung nach Schwarach i. P. entsandt, um dorthin verbrachte Vermögenswerte sicherzustellen, die Abrechnung in Westösterreich gebauter Freileitungen zu betreiben und wieder mit den dortigen Außenbüros Verbindung aufzunehmen.

Mit Jahresbeginn 1946 übernahm dann Dr. Widdmann die Leitung des Weizer Werkes, das damals bis auf die nackten Mauern ausgeräumt war. Mit den wenigen geretteten Werkzeugmaschinen konnten vorerst von 2400 Mann zu Kriegsschluss nur 400 mit der Aufarbeitung vorhandener Halbfabrikate beschäftigt werden. Mit so fertig gestellten Fabrikaten wurden dann in mühseliger Kompensation fehlende Rohstoffe und Werkzeugmaschinen beschafft, letztere zum Teil auch in der eigenen Werkstätte angefertigt, soweit die Einrichtungen ausreichten. Dr. Widdmann gelang es aber bald, sich mit ausgezeichneten Mitarbeitern zu umgeben und er rühmt noch bis zu seinem Tod den Elan, mit dem die gesamte Belegschaft trotz Hunger, defekter Kleidung und vielen privaten Sorgen an den Wiederaufbau des Werkes ging. Die Einkäufer in Wien und Weiz waren auf Autowracks unermüdlich unterwegs, hatten oft mehrfach Reifendefekte auf einer Fahrt und schliefen in eisigen Hotelzimmern. Die Techniker begannen sofort neue, verbesserte Typenreihen zu entwickeln, die Qualität der Werkstattarbeit wurde Schritt für Schritt auf eine nie zuvor erreichte Höhe gebracht und eine schlagkräftige Betriebsabrechnung zur laufenden Kontrolle der Rentabilität des Werkes neu eingerichtet.

Die Arbeiterschaft bewies auch bei unpopulären Maßnahmen viel Verständnis für die harten Notwendigkeiten der Zeit und entwickelte ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Dr. Widdmann erzählte gerne, wie er einmal einen alten Dreher geradezu trösten musste, der ganz verzweifelt war, weil er eine große Welle in der Nachtschicht um 20 mm zu kurz machte, obwohl der Fehler mit einer Zwischenscheibe billig zu beheben war. Der erste Emaildraht für Motorentwicklungen war so schlecht, dass oft ein Drittel einer Serie bei der Prüfung durchbrannte. Als dann mit dem ersten guten Draht erst der hundertste Ständer defekt wurde, erhielt dessen Wicklerin von ihren Kolleginnen Vorwürfe, denn hätte sie besser aufgepasst, wären leicht zweihundert Stück bis zum Defekt zu erreichen gewesen. Ein Besucher erzählte einmal Dr. Widdmann ganz erstaunt, dass sich selbst ein einfacher Hilfsarbeiter der Hofpartie über alle Zukunftspläne des Werkes wohl informiert erwies und voll Stolz immer nur von seinem Werk sprach.

Gestützt auf den hervorragenden Geist des Zusammenhaltens konnte Dr. Widdmann den für die künftige Entwicklung entscheidenden Entschluss wagen, sich mitten in den ärgsten Anlaufschwierigkeiten auf den Großmaschinenbau einzurichten. Dazu mussten ja zwei neue Hallen mit schweren Kranen und teuren Werkzeugmaschinen errichtet werden, eine für die damalige Notzeit außerordentlich kostspielige Investition.

Jedes Land baut sich Serienfabrikate selbst und schützt seine neue Industrie durch hohe Zölle und Einfuhrverbote. Nur mit Großfabrikaten war daher ein für Vollbeschäftigung ausreichendes Exportgeschäft zu erhoffen und diese zwei Hallen wurden Ende 1948 gerade zeitgerecht fertig, um sich durch Lieferung der zwei Kapruner Großgeneratoren eine wertvolle Referenz schaffen zu können. Die Weizer Techniker in Konstruktion und Werkstätte stützten sich mit wahrem Feuereifer auf Probleme wie sie vordem noch kein österreichisches Werk zu lösen hatte. Viele der Riesenmaschinen unserer nach dem Krieg erbauten Kraftwerke wurden ja erstmals im Inland gebaut, wodurch das Weizer Werk unserem Land bis 1980 rund eine Milliarde an Importdevisen erspart hat. Die Weizer Techniker wuchsen mit ihren Aufgaben, sodass Österreich nun zum ersten Mal in seiner Geschichte über eine bodenständige Starkstromindustrie von Weltformat verfügte. 1980 beschäftigte das Weizer Werk gegen 3000 Mann, mehr als im Krieg, 60 % der Belegschaft arbeiteten an Großfabrikaten und das Unternehmen exportierte rund ein Drittel seines Umsatzes in alle Länder der Erde. Diese Erfolge konnten im Wettstreit mit der gesamten Weltkonkurrenz erreicht werden, obwohl die ELIN insgesamt über weniger Ingenieure verfügte, als mancher Großkonzern im Ausland allein für die Forschung einsetzen konnte. Der rasche Aufschwung des Weizer Werkes erforderte bald weitere Fabrikbauten, die Errichtung von Laboratorien, Bürogebäuden und von rund 400 Wohnungen für die Belegschaft. Das Weizer Werk war damit doppelt so groß geworden wie zu Kriegsende, denn die Großmaschinen hatten erheblich größeren Platzbedarf. Die formschönen Fabriks- und Wohnbauten der Nachkriegsjahre mit ihren dazwischen liegenden Grünflächen haben sehr zur Verschönerung des Weizer Stadtbildes beigetragen und Dr. Widdmann den Ehrennamen „Bauherr von Weiz“ eingebracht. Sein erfolgreiches Wirken fand auch sonst vielfache Anerkennung. Er wurde 1948 zum Vorstandsmitglied und 1954 zum Generaldirektor des Unternehmens berufen. Die Technische Hochschule in Graz ernannte ihn zum Ehrenbürger und verlieh ihm das Ehrendoktorat der technischen Wissenschaften, die Stadtgemeinde Weiz das Ehrenbürgerrecht, der Wiener Ingenieur- und Architektenverein die Goldene Ehrenmünze und die Republik Österreich den Bauratstitel ehrenhalber.

Baurat Dipl.-Ing. Dr. h. c. Dr. techn. Karl Widdmann verstarb am 2. Februar 1982 im 81. Lebensjahr.

Noch zu seinen Lebzeiten wurde 1964 eine Straße nach ihm benannt.

Literaturhinweis:
Leopold Farnleitner:
 Biographische Notizen. Dr. Karl Widdmann. In: Land um den Kulm. Zur Siedlungsgeschichte, Vorbericht über archäologische Untersuchungen, Fundberichte. Biographische Notizen, erzählende Beiträge, Gesamtinhaltsverzeichnis (Weiz - Geschichte und Landschaft in Einzeldarstellungen. Hrsg. v. Leopold Farnleitner. 10/VI), Weiz 1980, S. 240.