Pichlerwerke

Einstige PichlerwerkeDer Gründer der heutigen "ELIN Energieversorgung GmbH" und zu Beginn "Weizer Elektrizitätswerke Franz Pichler & Co.", war Franz Pichler, der in Österreich als einer der Pioniere der Elektrotechnik bezeichnet wird.

Die väterliche Mautmühle baute er zu einer modernen Handelsmühle um – diese Pichlermühle besteht bis heute.

Pichlers Traum war die Elektrifizierung seines Heimatortes; er ging am 19. Mai 1892 in Erfüllung, als das nach eigenen Plänen von Franz Pichler geschaffenen E-Werk in Betrieb genommen wurde – das erste Mehrphasenwerk der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Die Geschichte der Pichlerwerke

Johann PichlerAuch Weiz hatte einst eine Straßenbeleuchtung mit Petroleumlicht und einen Laternenanzünder, der Abend für Abend alle 16 Straßenlampen anzündete. Doch die naturwissenschaftlichen Erfindungen des 19. Jahrhunderts, die das Industriezeitalter einleiteten, gingen auch an Weiz nicht spurlos vorüber.

Nach anfänglichen Erfolgen ließ Franz Pichler die Idee, ganz Weiz und die Umgebung mit elektrischer Energie zu versorgen, nicht mehr los.

Der "elektrische Franzl"

files/stadt-weiz/Weizlexikon/frpich1.jpgFranz Pichler wurde als Sohn des Mühlenbesitzers Johann Pichler vulgo Kapfensteiner am 18. Februar 1866 in Weiz geboren. Seine technische Begabung erkannten seine Eltern und Lehrer schon in der Volksschulzeit. Sie ermöglichten ihm schließlich ein Studium an der Technischen Universität in Graz, das er 1889 als Diplomingenieur für Maschinenbau abschloß.


Er überredete seine Eltern, die bescheidene Mautmühle in eine moderne Handelsmühle umzubauen und setzte somit den Grundstein für die folgende Entwicklung.

 

Die Handelsmühle mit Kraftwerk

Die elterliche Mautmühle wurde unter Franz Pichler durch eine moderne Handelsmühle mit leistungsfähigen Walzenstühlen ersetzt. Die Kraft, die das Wasser des alten Mühlganges erzeugte, reichte jedoch schon bald nicht mehr aus. Es mußte eine neue Kraftquelle gefunden werden.

Franz Pichler suchte und fand oberhalb des Hammerwerkes Mosdorfer eine Stelle am Weizbach, die für die Errichtung eines Kraftwerkes geeignet war. Für die Kraftübertragung konstruierte Franz Pichler den ersten Drahtseilantrieb der österreichisch-ungarischen Monarchie und so konnte im Herbst 1886 die väterliche Mühle mit dem Kraftwerk in Betrieb genommen werden.

Ein gerade noch verhinderter Brand infolge einer umgestürzten Petroleumlampe in der Mühle weckte den Wunsch Pichlers nach einem feuersicheren Licht. Mit Hilfe eines Gleichstromdynamos, der an den Wasserradantrieb des Kraftwerkes angeschlossen war, wurde die Energie für die Beleuchtung der Mühle und des Elternhauses beschafft. Damit entstand das erste Elektrizitätswerk von Weiz.

Das erste Mehrphasenwerk der Donaumonarchie

Franz Pichler wollte die elektrische Beleuchtung für den gesamten Markt Weiz einführen. Bereits 1890 begann Franz Pichler mit der Planung des Kraftwerkes, welches ursprünglich für Gleichstrom ausgelegt war. Als Standort erschien ihm die Gefällstufe bei der Ruine Sturmberg für das zukünftige Pichler'sche E-Werk geeignet.

Im Jahre 1891 nahmen seine ehrgeizigen Pläne Gestalt an: Ein Besuch einer Elektro-Ausstellung in Frankfurt und das Kennenlernen einer Drehstrom-Hochspannungsleitung zur Kraftübertragung über weite Strecken beeinflußten seine Überlegungen zur Errichtung eines Kraftwerkes zur Versorgung von Weiz mit elektrischer Energie.

Franz Pichler beschloß nun, seine Anlage nach dem Mehrphasensystem zu konstruieren, wobei die Turbine von der Firma Ganz & Co in Budapest kam, die Gußteile der Maschinen von der Maschinenfabrik Anton Schlacher in Preding geliefert und der Generator sowie die Erregermaschine von Pichler selbst berechnet wurden.

Erster 80 KV-3-Phasen-Generator, gebaut 1892An einer Gefällestufe des Weizbaches unweit der Ruine Sturmberg wurde das Wasser abgeleitet und in einem offenen Gerinne dem neuerbauten Kraftwerk in der Steinbruchstraße zugeführt. Dieses Gerinne wurde von der Bevölkerung "Lichtbach" genannt. Eine Turbine trieb die erste Mehrphasenmaschine an. Am Abend des 19. Mai 1892 – es war der Hochzeitstag von Franz Pichler und seiner Frau Ernestine – wurde das E-Werk in Betrieb genommen und war damit das erste Mehrphasenwerk der österreichisch-ungarischen Monarchie. Seine Leistung betrug 80 kW, die Hochspannung war verketteter Zweiphasenstrom von 2 x 2000 Volt. An diesem Abend waren die Plätze von Weiz erstmals mit elektrischem Licht erleuchtet.

Weizer Elektrizitätswerke Franz Pichler & Co

Nachdem Franz Pichler sein Studium mit Auszeichnung beendigt hatte, wurde ihm am 3. Oktober 1892 unter der Nummer 13.688 die Konzession zur gewerbsmäßigen Erzeugung elektrischer Maschinen und zur Errichtung von Fremdanlagen erteilt – dies war die "Geburtsurkunde" eines Unternehmens, das Weltruf erlangen sollte – aber die ersten Jahre waren beschwerlich.

Als "elektrischer Franzl" in Weiz bekannt und belächelt, fand der fortschrittliche Techniker nur wenig Verständnis unter der Bevölkerung, geschweige denn die erforderliche finanzielle Unterstützung. Nach dem Motto: "Den Strom, den er erzeugt, siachst net, oba wennst den Droht augreifst, bist hin" überwog das Mißtrauen gegenüber seinen Ideen. Dennoch wuchs zugleich das Vertrauen in die Vielseitigkeit seines Könnens. So wurde Ing. Franz Pichler 1891 den Auftrag erteilt, die Pläne der ersten Weizer Wasserleitung, der Kalkleitenquelle, zu erstellen.

Der weitere Ausbau des Elektrizitätswerkes wurde in Frage gestellt, als man den "Franzl" beschuldigte, mit seiner "Narretei" das Familienvermögen aufs Spiel zu setzen und auf eine Ausbezahlung des Erbteiles bestand. Mit der Beteiligung von Ing. Cornel Masal, der als Kompagnon und Mitarbeiter in den Betrieb einstieg, wurde die finanzielle Situation etwas erleichtert. Von nun an hieß das Unternehmen "Weizer Elektrizitätswerke Franz Pichler & Co".

Geldknappheit blieb auch in der Folge eine Dauererscheinung. Franz Pichler mußte viel Mühe aufwenden, um die immer wieder auftretenden finanziellen Engpässe zu überwinden. Seinem Lebenswerk zuliebe schlug er viele Angebote als Manager und Berufungen an Hochschulen aus.

Einer glücklichen Fügung war es zu verdanken, daß am 1.1.1900 die "Gesellschaft für elektrische Industrie AG" – vorerst nur als stiller Teilhaber – in die "Weizer Elektrizitätswerke Franz Pichler & Co" eintrat und sich mit einer beträchtlichen Summe beteiligte. Weiters übernahm sie den Gesamtvertrieb des nach internationalen Maßstäben noch relativ kleinen Betriebes.

Das Elektrizitätswerk mit seiner Stromlieferungseinrichtung verblieb im alleinigen Besitz des Gründers Franz Pichler, firmierte in den folgenden Jahren unter dem Namen "Elektrische Zentralstation Franz Pichler, Weiz".  

Das neue Kraftwerk

Der Bedarf an elektrischer Energie wuchs schnell. Da die unregelmäßige Wasserführung des Weizbaches die notwendige KW-Leistung nicht mehr erbringen konnte und der Kohleverbrauch der neu angeschaffenen Dampfmaschinen zu hoch war, entschloss man sich 1911 zum Bau eines neuen Kraftwerkes am Eingang zur Raabklamm mit Spitzenausgleich durch Wasserkraft – das erste seiner Art in der Steiermark .

Von der Wehranlage wurde unter ungünstigsten Bauverhältnissen ein 2,5 km langer Stollen zum Wasserschloss angelegt, von dem das Wasser der Raab durch eine Druckrohrleitung über 60 Meter Gefälle den Francisturbinen im Maschinenhaus zugeführt wurde. Eine 6000-Volt-Leitung, auf Betonmasten verlegt, leitete den Strom nach Weiz. Nun konnte allmählich die Elektrifizierung von Weiz erweitert werden.

Mitten im rastlosen Schaffen eines arbeitsreichen Lebens erlag Franz Pichler im August 1919 auf einer Geschäftsreise einem Herzinfarkt.

Nach seinem Tod übernahmen seine drei Kinder Theresia, Franz und Ernst zu gleichen Teilen die nun in eine offene Handesgesellschaft umgewandelte "Elektrische Zentralstation". Das väterliche Erbe blieb somit ein Familienunternehmen und wird bis heute als "Pichler Werke Weiz" als solches geführt.

Unter DI Franz Pichler wurde das Versorgungsnetz bis zu den entlegendsten Bergbauernhöfen im oberen Feistritztal ausgebaut. Heute umfaßt das Unternehmen, das von Weiz aus gesteuerte Kraftwerk Raabklamm fünf Umspannwerke in Weiz, Birkfeld und Brodingberg; 8155 Kilometer Hochspannungsleitungen mit 890 Transformatorenstationen und über 1926 Kilometer Niederspannungsleitungen zu 28.400 Kunden. 

Pichler-Werke Weiz

Großwindkraftanlage, SommeralmAls erstes steirisches Stromversorgungsunternehmen schlossen die "Pichler Werke" im Jahre 1924 ein Stromlieferungsübereinkommen mit der 1921 gegründeten steirischen Landeselektrizitätsgesellschaft STEWEAG. Nach den alles lähmenden Kriegsjahren konnte zwischen 1950 und 1960 sowohl die Stromversorgung in unserer Region weiter ausgebaut als auch 1954 das erste Umspannwerk in Weiz errichtet und in Betrieb genommen werden. Heute betreiben die Pichlerwerke die Kraftwerke Raabklamm, Ridlmüller und Stegmühl sowie das Biomasse Fernwärmeheizwerk in Birkfeld und erzielen eine Jahresleistung von rund 250 Mio kWh Strom. Im Frühjahr 1999 wurde die höchstgelegene netzgekoppelte Großwindkraftanlage Österreichs mit ca. 750 kW elektrischer Leistung auf dem Plankogel in der Region Sommeralm/Teichalm errichtet und in Betrieb genommen. Neben der Energieversorgung haben sich die "Pichler Werke" in den 90er Jahren auch neue Geschäftsfelder in den Bereichen "Gebäudemanagement" und "Automatisierungstechnik" erschlossen und zählen heute mit insgesamt etwa 330 Mitarbeitern zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt.

 

Literatur

Leopold Farnleitner / Franz Hauser / Hans Ritz: Weiz. Geschichte und Geschichten. Weiz 1997.
Robert Hausmann: Pichler-Werke Weiz 1892 – 1992. Geschichte eines steirischen Unternehmens. Weiz 1992.
Regine Kapfhammer: Vom Elektropionier zum Industriekonzern: 100 Jahre Elin (http://bfhgw32.uni-graz.at/hfi/students/kapfhammer/start/frontp1.htm)