Februarkämpfe 1934 in Weiz

Der gewaltige Kursverfall, der im Oktober 1929 an der New Yorker Börse einsetzte, war das erste sichtbare Zeichen der beginnenden Weltwirtschaftskrise. In den folgenden Jahren fiel die Produktion in Österreich um 39%, während die Arbeitslosenrate um 97% anstieg; wer noch Arbeit hatte, musste schmerzhafte Lohn- und Gehaltskürzungen hinnehmen.


4. August 1929: Schutzbund und Arbeitertreffen mit mehr als 2500 Teilnehmern.

Weiz blieb als wichtiger Industriestandort von den Auswirkungen der Wirtschaftkrise nicht verschont. Auch hier stieg die Arbeitslosenrate um fast 60%. Eine zunehmende politische Radikalisierung blieb nicht aus. In einem Gendarmeriebericht aus dem Jahr 1932 heißt es: "Die politische Lage [wird] durch die große wirtschaftliche Not in diesen rein ländlichen Bezirken [Weiz und Hartberg] beherrscht, welche die Bevölkerung allgemein auf das herrschende System zurückführt und die Regierungsparteien hiefür verantwortlich macht. Die Folge davon ist eine zunehmende Abkehr von diesen Parteien und eine im gleichen Masse steigende Sympathie für die besonders radikale nationalsozialistische Partei. ... Die Verzweiflung der Leute geht soweit, daß man immer wieder ohne Scheu zu hören bekommen kann, daß die gegenwärtige Verfassung und sogar die Staatsform keine Gewähr für eine Änderung der Verhältnisse bietet."

Im Frühjahr 1932 war die Arbeitslosigkeit in Weiz schließlich so drückend geworden, dass sich die Betroffenen immer öfter zu Demonstrationen trafen, um auf ihre unerträgliche Lage aufmerksam zu machen. Bürgermeister Josef Draxler wurde auf einem radikalen Flugblatt sogar drastisch bedroht mit "Schaff uns Arbeit und Brot, sonst bist du tot!".

Die zunehmende Radikalisierung in allen politischen Lagern - vor allem zwischen Sozialdemokraten und Republikanischem Schutzbund einerseits und Christlichsozialen und Heimwehr bzw. der Regierung andererseits - war allerorts zu beobachten. Die NSDAP gewann Schritt für Schritt und Wahl für Wahl an Boden; bei den Gemeinderatswahlen 1932 konnte sie in Weiz einen Zuwachs von 130% verbuchen.

Im April 1933 wurde der Republikanische Schutzbund von der Regierung Dollfuß verboten. Damit war zugleich eine Verordnung verbunden, die den ehemaligen Angehörigen des Schutzbundes jeglichen Waffenbesitz untersagte. Die Regierung sah vor, die Sozialdemokratie "Glied für Glied zum Krüppel zu schlagen" [Heeresminister Carl Vaugoin]. Im Nachklang dieser Strategie folgten in den kommenden Monaten punktuelle Waffensuchen, um den einzelnen Schutzbundeinheiten endgültig ihre Schlagkraft zu nehmen. In Weiz kam es am 1. April zu einer Waffensuche im Sekretariat und im Keller der Sozialdemokratischen Partei. Dabei wurden drei Magazine Exerzierpatronen und 65 Buchenstöcke, die zum Heizen bestimmt waren, beschlagnahmt. Offenbar von dieser Ausbeute unbefriedigt erfolgte vier Tage später eine weitere, großangelegte Waffensuche im Parteiheim, im Konsum, im Ziegelwerk sowie in 30 Wohnungen ehemaliger Schutzbundangehöriger. Mehrere Gewehre, Pistolen und Munition wurden beschlagnahmt und zwei Schutzbündler verhaftet. Die Sozialdemokraten wehrten sich kaum, so dass die schrittweise Ausschaltung der Arbeiterbewegung und die Beseitigung der Demokratie unbescholten voranschritt. Es folgten die Verbote der Kommunistischen Partei mit der Aberkennung ihrer Mandate; das öffentliche Versammlungsrecht wurde eingeschränkt, die Demonstrationen am 1. Mai verboten. Zeitungen unterstanden der Zensur.

Als im Jänner 1934 der italienische Unterstaatssekretär Suvich eine Garantieerklärung für die Unabhängigkeit Österreichs abgab und im Gegenzug die rasche und endgültige Zerschlagung der Parteien und den Aufbau eines faschistischen Staates verlangte, schritt Bundeskanzler Dollfuß zur endgültigen Vernichtung des politischen Gegners.

Am Morgen des 12. Februar 1934 widersetzte sich in Linz der lokale Schutzbundführer Richard Bernaschek mit Waffengewalt einer Durchsuchung des Parteilokals der Sozialdemokratischen Partei durch die als Hilfspolizei verpflichtete Heimwehr - daraufhin entbrannte in Österreich der Bürgerkrieg. Nachdem die Nachricht vom Beginn der Kämpfe Graz erreicht hatte, trafen beide Seiten - das Landesgendarmeriekommando und die Sozialdemokratie - Vorbereitungen: die Vaterländischen Verbände (Heimwehr, Sturmschar) wurden bewaffnet und in den Gendarmeriehilfsdienst gestellt. Zur selben Zeit, als man Parteilokale besetzte, die Wohnungen prominenter Sozialdemokraten und Schutzbündler durchsuchte und sie selbst verhaften wollte, gelang es noch, die letzte Ausgabe der Zeitung "Arbeiterwille" mit der Ankündigung herauszugeben: "Alarm. Alles heraus zum Endkampf gegen den Faschismus! Generalstreik in ganz Österreich ausgerufen!".

Werkzeughalle der ELIN WeizAls die Nachricht von der Proklamation des Generalstreiks Weiz erreichte, versammelten sich die Arbeiter der Elin in der Werkzeughalle. Betriebsratsobmann Franz Glier hielt eine Ansprache, welcher ein Streikbeschluss folgte. Die Tore wurden mit Streikposten besetzt, die Fenster durch Stahlplatten geschützt und die Werkbahn für einen Ausfall zu einem behelfsmäßigen Panzerzug vorbereitet. Mit Einbruch der Dunkelheit waren im Stadtgebiet vereinzelte Schüsse zu hören. Als am frühen Abend aus Graz die Nachricht eintraf, dass die dortige Arbeiterschaft der Exekutive erfolgreich Widerstand leistete, wurden auch die Schutzbündler in der Elin bewaffnet. Franz GlierUnter der Führung von Franz Glier und August Rudl verließen sie die Elin. In vier Gruppen aufgeteilt zog man zum Angriff auf die Gendarmerie. Alois Platzer berichtete dazu: "Die Gendarmen hatten schon einen Schutzbündler in Haft gehabt. Diesen haben sie auf das Fensterbankerl gesetzt, damit wir keinen Angriff starten. Unser Plan war, zwei Patrouillengeher zu fangen und mit ihnen als Geiseln zur Gendarmerie zu gehen. Aber es kam anders. Einer von uns hat die Patrouillengeher vorlaut mit 'Halt' angeschrien, die dann einen Alarmschuß abgegeben haben. Damit begann die Schießerei, bevor wir eigentlich zum Angriff gekommen sind."

Bereits zu Beginn des Schusswechsels wurde der Heimatschutzkorpsmann Johann Würger, der vor der Gendarmeriekaserne Patrouillendienst versah, tödlich getroffen. Die Mitglieder des Schutzbunds sahen sich zum Rückzug in die Elin gezwungen. Noch in der Nacht erbat der Gendarmerieposten Weiz um Unterstützung; das Landeskommando des Österreichischen Heimatschutzes entsandte an die dreihundert Mann der Heimwehrverbände von Fürstenfeld und Hartberg und über vierzig Gendarmen, die allerdings nicht mehr eingesetzt wurden.

Am Morgen des 13. Februar wurde Betriebsratsobmann Glier von der Bezirkshauptmannschaft aufgefordert, Arbeiter und Angestellte binnen einer Viertelstunde zur Räumung des Elin-Werkes zu veranlassen, was jene ablehnten. Erst als Gendarmerie, Heimwehr- und Sturmschafformationen vor den Toren der Elin Aufstellung nahmen, war Glier verhandlungsbereit: "Wir geben auf, wenn beim Verlassen des Werkes niemand verhaftet wird." Wenig später verließen die Arbeiter unbewaffnet das Werk. Gegen Mittag trafen sich die Schutzbündler, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen; eine Gruppe von Sturmschar und Heimwehr machte dieses Treffen ausfindig. Bis zum 17. Februar waren all jene, die am 12. Februar den Angriff auf die Gendarmerie unternommen hatten, in Haft. Sie wurden wegen Mordverdachts, Hochverrats, Aufstands, Aufruhrs und öffentlicher Gewalttätigkeit angezeigt und vor dem Standgericht in Graz angeklagt. Am 14. Februar wurde in der Elin der normale Betrieb wieder aufgenommen.

Als Folge der Februarkämpfe wurde per Regierungsverordnung der Sozialdemokratischen Partei und ihren Organisationen jede Tätigkeit verboten, Gemeinderats- und Landtagsmandate wurden aberkannt, das Parteivermögen eingezogen.

Am 19. Februar begann in Graz der Standgerichtsprozess gegen 10 der 46 verhafteten Weizer. Nach drei Tagen wurde der Prozess eingestellt, da die Regierung auch für die Steiermark das wegen des Verbrechens des Aufruhrs verhängte Standrecht aufgehoben hatte. Die Weizer Februarkämpfer wurden einem ordentlichen Strafgericht übergeben, das am 11. Juni 1934 gegen 24 Schutzbündler Strafen zwischen bis zu acht Monaten verhängte.

Bereits sechs Wochen vor diesem Urteil - am 1. Mai 1934 - wurde Österreich zu einem autoritär faschistischen Staat umgestaltet. Die Ständeverfassung wurde verkündet. Im Einparteiensystem der Vaterländischen Front sollten die Parteien durch berufsständische Organisationen ersetzt werden. Das öffentliche Leben war in der Folge durch Gesinnungszwang und ein reaktionäres kulturpolitisches Klima bestimmt.

Vier Jahre später gab es den Staat Österreich nicht mehr.

Literatur:

Heimo Halbrainer: Abenddämmerung der Demokratie - die letzten Jahre der Ersten Republik in Weiz. In: Weiz - Impressionen einer Stadt, hrsg. v. Susanne u. Ingo H. Kropac, Weiz 2001, S. 120.

Leopold Farnleitner, Franz Hauser: Weiz. Chronik der Stadt Weiz und Beiträge zu Ihrer Geschichte I. Weiz 1986.